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Meditation trifft Hirnforschung

Interview mit Prof. Dr. med. Dr. h.c. mult. Wolf Singer, Max-Planck-Institut für Hirnforschung und Mitglied des ICN Frankfurt

Wolf Singer ist einer der bekanntesten Hirnforscher Deutschlands und leitet am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt die Abteilung Neurophysiologie. 2004 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des Frankfurt Institute für Advanced Studies (FIAS). Weit über die Fachwelt hinaus bekannt wurde Singer mit seiner Überzeugung, dass Menschen nur einen begrenzten freien Willen haben. Singer ist mit dem buddhistischen Mönch Matthieu Ricard befreundet, der in Nepal in einem Kloster lebt und zugleich als französischer Wissenschaftler große Anerkennung genießt. Gemeinsam haben Singer und Ricard ein Buch über „Hirnforschung und Meditation“ verfasst.

Im Gespräch mit unserer ICNF Newsletter-Redakteurin Nicola A. Mögel erläutert Wolf Singer, wie es zu dem ostwestlichen Dialog kam.

Redaktion: Wie kommt ein Hirnforscher zur Meditation? Haben Sie einen persönlichen Zugang oder ein berufliches Interesse an der Meditation?

Singer: Ich habe vor etwa 15 Jahren neuronale Synchronisationsphänomene im Gehirn entdeckt [1]. Das war etwas ganz Neues. Völlig unabhängig von mir haben US-amerikanische Wissenschaftler angefangen, während der Meditation Hirnstromkurven (EEG-Ableitungen) bei Könnern der Meditation wie buddhistischen Mönchen zu erstellen. Einer der Mönche war Matthieu Ricard. Die amerikanischen Forscher haben dabei Synchronisationsphänomene beobachtet, die genauso aussahen wie das, was meine Mitarbeiter und ich entdeckt hatten. Vor diesem Hintergrund sind Matthieu Ricard und ich erstmals bei einer Konferenz in Paris, die zu Ehren des chilenischen Hirnforschers Francisco Varela abgehalten wurde, zusammengekommen. Ich habe versucht auf der Basis unseres Wissens zu interpretieren, was die US-Forscher gemessen haben.

Es gab aber auch noch ein zweites Kennenlernen. Meine beiden Töchter planten in Indien und dessen Nachbarstaaten, einen gemeinsamen Film über Resonanzen zu machen. Meine eine Tochter ist in der Hirnforschung tätig und die andere ist Musikwissenschaftlerin. Ein Teil des Films sollte eine Diskussion zwischen einem westlichen Wissenschaftler und einem östlichen Spirituellen sein. Auch meine Töchter lernten Matthieu Ricard kennen. Matthieu Ricard lebt in Nepal in einem Kloster. Meine Töchter luden mich mit Matthieu zu einer Diskussion ein. Aus dieser Begegnung ist dann eine Freundschaft geworden.

Zwischenzeitlich (2006) war ich selbst auf der Suche nach einer Auszeit, einer völlig reizlosen Umgebung. Ich fand einen Ort im Schwarzwald mit einer sehr strengen Zen-Meditationspraxis, entdeckte dies aber erst nach meiner Ankunft. So bin ich unvorbereitet in ein völlig abgeschlossenes, stilles Umfeld gelangt ohne Blickkontakt zwischen den Teilnehmern. Ich wurde lediglich darauf hingewiesen, das nachzumachen, was die anderen tun. Dann saß ich zehn Tage lang acht Stunden vor einer weißen Wand und ein Lehrer, mit dem ich am Tag wenige Minuten zusammenkam, erklärte mir in erster Linie, was ich nicht tun sollte. Das dort Erlebte hat mich tief beeindruckt und fasziniert.

Beim nächsten Treffen mit Matthieu Ricard habe ich ihm vorgeschlagen, in einem Gespräch zu klären, was von der buddhistischen Meditation neurophysiologisch erklärbar ist und wo die Grenzen naturalistischer Interpretationen liegen.

Red.: Wie sprechen Sie mit dem buddhistische Mönch Matthieu Ricard?

Singer: Das Interessante an Ricard ist, dass er selbst Wissenschaftler ist. Er war Molekularbiologe im Labor des französischen Nobelpreisträgers François Jacob am hochrangigen Institut Pasteur in Paris. Dort hat er auch noch nach seiner Promotion einige Jahre gearbeitet. Bei einer Ferienreise nach Burma traf er einen Rinpoche, einen tibetischen Lama, und hat für den Buddhismus Feuer gefangen. Über die Zeit ist er dann zum Mönch konvertiert. Ricard spricht die wissenschaftliche Sprache und hat zugleich die Meditationserfahrung eines buddhistischen Mönchs. Mit nur spirituell Erfahrenen kann man als Forscher nicht wirklich kommunizieren. Die Spirituellen erzählen von ihren subjektiven Erfahrungen, die aufgrund der speziellen Wortwahl kaum wissenschaftlich einzuordnen sind.

Mit Ricard unterhalte ich mich auf französisch. Wenn wir allerdings unsere Gespräche für unser nächstes geplantes Buch protokollieren, reden wir englisch. So haben wir schon das Manuskript für das nächste Buch in englisch vorliegen.

Mit Ricard habe ich bei meinen Besuchen in Nepal über vieles gesprochen. Derzeit bearbeiten wir ein 16stündiges Wortprotokoll, aus dem wir zusammen ein großes Buch machen wollen. Das im Suhrkamp Verlag im Mai 2008 erschienene Buch „Hirnforschung und Meditation. Ein Dialog.“ ist nur ein erster Teil davon. Darin beschreibt Ricard zum Beispiel die Meditation als Zustand höchster Wachsamkeit und ich erläutere die gehirnphysiologischen Abläufe dieses Zustands. Die EEG-Messungen belegen in der Tat, dass meditierende Mönche hellwach und konzentriert sind.

Red.: Welche Themen beschäftigen Sie und Matthieu Ricard?

Singer: Neben der Hirnforschung und Meditation gibt es für Hirnforscher noch einige andere interessante Aspekte am Buddhismus. Dazu gehört auf jeden Fall die Frage nach der Konstitution des Ichs, d.h. die Ich-Konzepte im Buddhismus. Das Konzept von Autonomie und freiem Willen ist im Buddhismus ganz anders als in unserem Kulturkreis. Die Diskussion, die sich bei uns über die Begrenztheit des freien Willens entsponnen hat, würde es dort nicht geben. Buddhisten fühlen sich eingebunden in ein großes Netzwerk von Determiniertheiten, also der Abhängigkeit des Willens von inneren oder äußeren Ursachen, aus der es kein Entrinnen gibt. Daher sind auch Hirntheorien, die von Buddhisten intuitiv erschlossen wurden, sehr ähnlich dem, was unsere Wissenschaft zutage fördert. Das liegt daran, dass meine buddhistischen Gesprächspartner nicht durch die Aufklärung geprägt wurden. Für den Buddhisten Ricard ist der ontologische Dualismus nicht so klar formuliert wie er im Abendland immer noch vorherrscht. Damit stellt sich auch das Leib-Seele-Problem, das der philosophischen Frage, wie sich die mentalen Zustände (die Seele) zu den physischen Zuständen (dem Leib) verhalten, nicht in der gleichen Schärfe wie es bei uns der Fall ist.

Red.: Verändert das Meditieren das Hirn?

Singer: Das Meditieren trainiert die Fähigkeit, Aufmerksamkeit zu fokussieren. Das zeigen Messungen bei Versuchen mit dem Aufmerksamkeitsblinzeln, dem attentional blink. Bei diesen Versuchen werden Bilder so schnell hintereinander gezeigt, so dass nicht alle Bilder wahrgenommen werden können. Jüngere Menschen verpassen weniger Bilder, Ältere in der Regel mehr, d.h. das attentional blink-Intervall nimmt mit dem Alter zu. Wie mehrfach gezeigt wurde, trifft diese Aussage auf Menschen, die viel meditieren nicht zu. Die älteren Menschen zeigen dieselben Ergebnisse wie die Jüngeren.

Außerdem gibt es Hinweise auf  morphologische Veränderungen. Die Großhirnrinde nimmt in bestimmten Bereichen an Volumen zu. Ähnliches wird auch bei Jongleuren festgestellt. Wenn sie im regelmäßigen Training stehen, hat der Teil der Großhirnrinde, der benötigt wird, um die komplizierten Jonglierübungen auszuführen, ein größeres Volumen. Es sieht demnach so aus, dass die intensive Meditationspraxis auf die Dauer strukturelle Veränderungen im Gehirn hervorruft. Das gilt allerdings für jedes Üben und trifft auch auf einen Skiläufer, einen Klavier- oder Geigenspieler zu. Es bleibt festzuhalten: Durch Meditation verändert sich das Hirn, es ist nicht nur Autosuggestion.

Red.: Vielen Dank Herr Prof. Singer für das Gespräch und viel Spaß und Erfolg mit dem neuen gemeinsamen Buch mit Matthieu Ricard.

Zum Buch:

Wolf Singer, Matthieu Ricard: Hirnforschung und Meditation. Ein Dialog. Broschiert, 133 Seiten. Verlag: Suhrkamp. Reihe: Edition Unseld. Mai 2008. Neuauflage: 12. November 2008.

ISBN-10: 3518260049
ISBN-13: 978-3518260043

Preis: 10,00 Euro.


[1] Untersuchungen der strukturellen und funktionellen Organisation des menschlichen Gehirns belegen, dass die Informationsverarbeitung in sensorischen und motorischen Systemen hochgradig parallel abläuft. In den verschiedenen Arealen der Großhirnrinde wird eine Fülle von Teilaspekten der Sinneswelt gleichzeitig analysiert; die einzelnen Teilergebnisse werden an exekutive Strukturen weitergegeben, ohne dass es jemals zu einer Zusammenführung der Teilergebnisse in einem singulären Zentrum kommt. Als Mechanismus für die Koordination der hochgradig parallelen und verteilten Informationsverarbeitung wurde von Professor Singer und Mitarbeitern die Synchronisation oszillatorischer Aktivität vorgeschlagen, um die verteilten neuronalen Antworten zu verbinden. (Jahrbuch 2008 des MPI für Hirnforschung).

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